Die Agar-Kultur
Es gibt einen Moment in der Praxis der Pilzzucht, in dem man erkennt, dass alles hier seinen Anfang nimmt. Vor dem Getreidespawn, vor der Flüssigkultur, vor den Substratsäcken — da ist der Agar. Auf diesem durchsichtigen Nährgel, gegossen in kleine Petrischalen, beobachtet man das Myzel in seinem reinsten, am besten lesbaren Zustand. Hier lernt man es wirklich kennen: seine Wachstumsgeschwindigkeit, seine Textur, seine Farbe, die kleinen Anzeichen, die eine Kontamination ankündigen, bevor sie sich anderswo ausbreitet. Die Agarkultur zu beherrschen bedeutet, die Kontrolle an der Quelle zu haben.
Wenn Sie noch die Grundlagen der Pilzzucht kennenlernen, gibt Ihnen unser umfassender Leitfaden zur Pilzzucht zu Hause einen Überblick über die grossen Etappen vor der Arbeit auf Agar und den sterilen Kulturtechniken.

Was Agar ist und warum man ihn verwendet
Agar ist ein natürliches Geliermittel, das aus Meeresalgen gewonnen wird. In einer heissen Nährlösung gelöst und anschliessend abgekühlt, bildet es ein festes, durchscheinendes Gel, das eine ideale Grundlage für das Oberflächenwachstum von Myzel darstellt. In der Mykologie kombiniert man es meist mit Malzextrakt zu dem, was man MEA — Malt Extract Agar — nennt, eine Kombination, die dem Myzel alles liefert, was es für ein schnelles und gut sichtbares Wachstum braucht.
Die Vorteile von Agar gegenüber anderen Nährböden sind zahlreich. Auf einem undurchsichtigen festen Substrat wie Getreide ist es unmöglich zu erkennen, ob sich eine Kontamination entwickelt, bevor es zu spät ist. Auf Agar ist alles sichtbar: das weisse, watteartige Myzel auf der einen Seite, grüne, schwarze oder rosa Flecken einer Kontamination auf der anderen. Man kann isolieren, auswählen, eliminieren — mit einer Präzision, die anderswo nicht zu erreichen ist.
Agar dient auch als Stammbank. Eine gut durchwachsene und korrekt im Kühlschrank gelagerte Petrischale hält einen lebenden Stamm mehrere Monate lang am Leben, bereit, für eine neue Flüssigkultur oder einen neuen Getreidespawn reaktiviert zu werden. Sie ist das Gedächtnis Ihrer Sammlung.
Petrischalen vorbereiten und giessen


Das Grundrezept — MEA 2 %
Für 500 ml destilliertes Wasser oder Quellwasser benötigen Sie:
- 10 g Agar-Agar (2 %)
- 10 g Malzextrakt (2 %)
Diese Mengen reichen für etwa 10 bis 12 Petrischalen mit 90 mm Durchmesser. Geben Sie zur Vorbereitung zunächst beide Pulver in das kalte Wasser und rühren Sie gut um — dieser Schritt bei kalter Temperatur verhindert Klumpenbildung, da Agar-Agar dazu neigt, zu verklumpen, wenn es bereits heisses Wasser berührt. Sobald die Pulver gut verteilt sind, bringen Sie die Mischung unter regelmässigem Rühren auf dem Herd zum Kochen: Erst die Hitze löst das Agar-Agar wirklich auf und wandelt es von einem in Suspension schwebenden Pulver in ein durchsichtiges flüssiges Gel um. Rechnen Sie mit ein bis zwei Minuten leichtem Köcheln, bis die Mischung homogen und leicht durchscheinend wird — bleibt sie trüb oder klumpig, ist das Agar noch nicht vollständig gelöst.
Sobald die Lösung homogen ist, verteilen Sie sie auf Ihre Gefässe (Gläser, Erlenmeyerkolben oder direkt in die Petrischalen, je nach gewählter Methode), bevor Sie zur Sterilisation übergehen. Für grössere Sessions verdoppeln Sie einfach die Mengen: 20 g von jedem für 1 Liter Wasser, also 20 bis 25 Schalen.
Die zwei Giessmethoden
Empfohlene Methode für Einsteiger — direkt in PP-Schalen
Das ist die zugänglichste Methode, und vor allem jene, die keine Reinluftwerkbank erfordert. Das Prinzip ist einfach: Man giesst die noch flüssige Lösung direkt in Petrischalen aus Polypropylen (PP), legt die Deckel auf, ohne sie luftdicht zu verschliessen, und sterilisiert das Ganze im Autoklaven oder Schnellkochtopf — 121 °C während 20 Minuten. Danach lässt man sie flach und unberührt abkühlen. Das Agar erstarrt direkt in der Schale, in steriler Umgebung. Für das Giessen selbst braucht es keine kontrollierte Umgebung — die Sterilisation hat bereits alles erledigt.
Achtung jedoch: Nicht alle Petrischalen aus Kunststoff halten dieser Temperatur stand. Prüfen Sie immer, ob Ihre Schalen ausdrücklich als autoklavierbar bei 121 °C ausgewiesen sind, bevor Sie sie in den Schnellkochtopf geben — nicht zertifiziertes Standard-PP kann sich verformen, teilweise schmelzen oder unerwünschte Verbindungen ins Agar abgeben.
Giessen unter der Reinluftwerkbank — die Profi-Methode
Man sterilisiert die Lösung separat in einem Glas oder Erlenmeyerkolben und lässt sie dann auf etwa 55–60 °C abkühlen, bevor man sie unter der Still Air Box oder Reinluftwerkbank in offene Petrischalen giesst. Das ist die im professionellen Umfeld verwendete Methode: Sie erfordert mehr Material, erlaubt aber, in einer einzigen Session grosse Mengen zu giessen, mit voller Kontrolle über die sterile Umgebung beim Giessen selbst.
Warten Sie nicht zu lange, sobald diese Temperatur erreicht ist: Das Agar beginnt zu erstarren, sobald es unter 40–45 °C fällt, und wird schnell zu dickflüssig, um sauber gegossen zu werden — man erhält dann unregelmässige Schalen oder sogar Klumpen am Boden des Erlenmeyerkolbens. Giessen Sie, sobald die Lösung die richtige Temperatur hat, ohne zwischen den einzelnen Schalen zu trödeln.
Mit Kondensation umgehen
Kondensation entsteht durch einen Temperaturunterschied zwischen dem warmen Agar und der Umgebungsluft — wie Beschlag auf einer kalten Fensterscheibe. Zwei Fälle:
Direkt sterilisierte PP-Schalen — lassen Sie den geschlossenen Schnellkochtopf von selbst vollständig abkühlen, bevor Sie ihn öffnen. Ein allmähliches Abkühlen begrenzt den Temperaturschock und damit die Kondensation, und vermeidet zudem jedes Risiko beim Öffnen eines noch unter Druck stehenden Topfes.
Giessen unter der Werkbank — lassen Sie das Agar vor dem Giessen auf 55–60 °C abkühlen, dann lassen Sie die Schalen flach erstarren, ohne sie zu stapeln, solange sie noch warm sind. Stapeln Sie sie erst, sobald sie Raumtemperatur erreicht haben.
Gegossene Schalen halten sich im Kühlschrank in einem luftdichten Beutel mehrere Wochen. Lassen Sie sie vor der Lagerung ein paar Stunden verkehrt herum trocknen, um Kondensation auf der Geloberfläche zu vermeiden.
Eine Petrischale beimpfen


Das Beimpfen einer Petrischale kann aus mehreren Quellen erfolgen, je nachdem, wo man in seiner Praxis steht.
Vom Sporenabdruck — man trägt mit einem zuvor sterilisierten Skalpell eine feine Sporenspur auf die Agaroberfläche auf. Das ist der absolute Ausgangspunkt — jener, den man verwendet, wenn man mit einem völlig neuen Stamm beginnt. Die Keimung der Sporen zu sichtbarem Myzel dauert in der Regel 5 bis 15 Tage.
Von einem anderen Agarstück — man schneidet mit einem sterilisierten Mykologie-Skalpell ein kleines Quadrat Myzel von einer bereits durchwachsenen Schale aus und legt es auf eine frische Schale. Das ist die gängigste Transfertechnik — schnell, sauber, und sie erlaubt, einen Stamm unbegrenzt zu vermehren.
Von einem frischen Pilz — man entnimmt ein kleines Fleischstück eines gesunden Pilzes, idealerweise aus dem Inneren des Stiels oder Huts, um Oberflächenkontaminationen zu begrenzen, und legt es auf das Agar. Innert weniger Tage wächst das Myzel aus dem Fragment heraus und besiedelt die Schale. Das nennt man einen Klon — eine wirkungsvolle Technik, um einen besonders schönen oder ertragreichen Pilz zu reproduzieren.
In jedem Fall arbeitet man unter der Still Air Box oder Werkbank, sterilisiert die Werkzeuge zwischen jeder Handhabung und verschliesst die Schalen so schnell wie möglich wieder.
Das Versiegeln mit Parafilm
Sobald die Schale beimpft und wieder verschlossen ist, macht ein letzter Handgriff oft den Unterschied zwischen einer Kultur, die mehrere Monate hält, und einer Schale, die innert weniger Wochen kontaminiert ist: das Versiegeln mit Parafilm.
Parafilm ist ein leicht dehnbarer Paraffinfilm, den man um die Verbindungsstelle zwischen Deckel und Boden der Petrischale zieht. Sein Nutzen beruht auf einer präzisen Eigenschaft: Er ist halbdurchlässig. Er lässt den Gasaustausch zu (das Myzel braucht ein Mindestmass an Sauerstoff zum Atmen), blockiert aber wirksam das Eindringen von Schimmelsporen, Milben und den Feuchtigkeitsverlust durch Verdunstung. Eine Schale, deren Deckel nur locker aufliegt, kann durch den kleinsten Riss oder die kleinste Erschütterung austrocknen oder kontaminiert werden; eine mit Parafilm versiegelte Schale bleibt monatelang stabil.
So geht’s — dehnen Sie einen etwa 10 cm langen Streifen Parafilm, positionieren Sie ihn über der Deckelfuge und ziehen Sie dann sanft an beiden Enden, während Sie die Schale drehen: Der Film dehnt sich, wird durchscheinend und verschweisst sich durch reinen Druck mit sich selbst, ohne Kleber oder Hitze. Ein bis zwei Umdrehungen genügen für eine gegenüber Kontaminanten perfekt dichte, aber weiterhin gasdurchlässige Verbindung.

Lesen, auswählen — und retten, was zu retten ist
Das ist vielleicht die wertvollste Fähigkeit, die Agar bei einem Kultivierenden entwickelt: eine Petrischale lesen zu können. Mit Erfahrung genügt ein einziger Blick, um gesundes Myzel von einer beginnenden Kontamination zu unterscheiden — und zu handeln, bevor sich das Problem ausbreitet.
Einige wichtige Anhaltspunkte:
- Weisses, luftiges, watteartiges und gleichmässiges Myzel — gesunde Kultur, gute Vitalität. Das Wachstum sollte vom Beimpfungspunkt aus homogen sein, ohne flache Zonen oder Unterbrechungen.
- Grüne oder schwarze Flecken — Schimmelpilze, meist Trichoderma oder Aspergillus. Die Schale ist zu entsorgen, ohne sie zu öffnen.
- Feuchte, durchscheinende Zonen, saurer Geruch — bakterielle Kontamination. Oft verursacht durch unzureichende Sterilisation oder ein zu nährstoffreiches Agar.
- Flache oder gelbe Bereiche inmitten eines ansonsten normalen Myzels — mögliches Zeichen genetischer Drift oder eines weniger vitalen Sektors. Man meidet sie bei Transfers und wählt die schönsten Zonen aus.
Aber Agar bietet etwas, das kein anderer Nährboden erlaubt: eine zweite Chance. Wenn am Rand einer Schale eine Kontamination auftaucht, ist das nicht zwangsläufig ein endgültiges Urteil. Ist das Myzel in der Mitte noch gesund — schön weiss, luftig, klar von der befallenen Zone getrennt —, lässt sich oft ein winziges Fragment aus dieser sauberen Zone entnehmen und sofort auf eine frische Schale übertragen. Bei Getreide oder in Flüssigkultur gibt es dieses Rettungsfenster schlicht nicht. Um dieses Thema zu vertiefen, gibt Ihnen unser Artikel Kontaminationen in der Pilzzucht — Erkennen und Handeln alle nötigen Werkzeuge zur Diagnose und Reaktion.
Stämme lagern und konservieren
Eine gut durchwachsene Petrischale kann im Kühlschrank bei 2 bis 6 °C, verkehrt herum, in einem luftdichten Beutel oder mit Parafilm umwickelt aufbewahrt werden. Unter diesen Bedingungen bleibt ein Stamm 3 bis 6 Monate ohne Reaktivierung lebensfähig — je nach Art manchmal auch länger.
Für eine längere Konservierung praktizieren manche Kultivierende den Slant — eine Technik, bei der das Agar in kleine geneigte Röhrchen gegossen wird. Die für Slants verwendete Lösung ist bewusst nährstoffärmer: Man reduziert den Malzextraktanteil auf etwa 1 % statt 2 %, um den Stoffwechsel des Myzels zu verlangsamen und seine Ruhephase zu verlängern. Ein zu nährstoffreiches Medium würde es dazu bringen, seine Reserven zu schnell zu verbrauchen und vorzeitig zu altern. Mit diesem Ansatz kann ein Stamm über ein Jahr im Kühlschrank konserviert werden.
Bevor Sie einen kalt gelagerten Stamm verwenden, übertragen Sie ihn auf eine frische Schale und lassen Sie ihn einige Tage bei Raumtemperatur reaktivieren. Ein reaktiviertes, kräftiges Myzel besiedelt deutlich besser als Myzel, das direkt aus dem Kühlschrank kommt.


- Agar ist der Ausgangspunkt der gesamten Kette — hier validiert man die Reinheit und Vitalität eines Stamms, bevor man ihn vermehrt
- Das MEA-Grundrezept: 10 g Agar + 10 g Malzextrakt auf 500 ml Wasser — ergibt 10 bis 12 Petrischalen
- PP-Kunststoffschalen können direkt mit dem Agar darin sterilisiert werden — das ist die einfachste Methode und sie erfordert keine Werkbank
- Kondensation nach dem Giessen entsteht durch einen Temperaturunterschied — allmähliches Abkühlen (geschlossener Topf oder Stapeln erst im lauwarmen Zustand) begrenzt das Phänomen
- Eine Kontamination am Schalenrand ist nicht immer tödlich — ein schneller Transfer eines gesunden Fragments auf eine frische Schale rettet oft den Stamm
- Parafilm versiegelt die Schale und bleibt dabei gasdurchlässig — ein einfacher Handgriff, der die Lebensdauer einer Kultur deutlich verlängert
- Ein gut konservierter Stamm bleibt 3 bis 6 Monate in der Petrischale lebensfähig, über ein Jahr im Slant mit einem auf 1 % abgemagerten Medium
Was ist der Unterschied zwischen MEA und PDA in der Mykologie?
MEA (Malt Extract Agar) ist der gebräuchlichste Nährboden in der Pilzzucht — er fördert ein schnelles und kräftiges Wachstum des Myzels essbarer Arten. PDA (Potato Dextrose Agar) wird eher in der wissenschaftlichen Mykologie verwendet. Für die Pilzzucht zu Hause reicht MEA völlig aus und liefert hervorragende Ergebnisse.
Kann man eine Petrischale nach Gebrauch wiederverwenden?
PP-Kunststoffschalen können technisch mit 70%igem Alkohol gereinigt und für unkritische Anwendungen wiederverwendet werden. Für wichtige Transfers oder wertvolle Stämme ist es besser, neue Schalen zu verwenden — das Risiko einer Kreuzkontamination ist die Ersparnis nicht wert.
Wie lange dauert es, bis eine Petrischale vollständig durchwachsen ist?
Das hängt von der Art und der Inkubationstemperatur ab. Die meisten Austernpilze besiedeln eine Schale in 5 bis 10 Tagen bei 22–24 °C. Shiitake ist langsamer — rechnen Sie mit 10 bis 20 Tagen. Reishi besiedelt schnell, bildet aber oft sehr unterschiedliche Sektoren von einer Zone zur anderen.
Fazit
Die Agarkultur ist das, was aus einem Kultivierenden einen echten Amateur-Mykologen macht. Nicht weil es kompliziert ist — sondern weil es dazu zwingt, das Myzel anders zu betrachten, zu lernen, was es zeigt, zu lesen, und eine Stammsammlung aufzubauen, die man wirklich kennt. Hat man einmal den Unterschied zwischen einem auf Agar selektierten Myzel und einem blind beimpften Myzel gesehen, gibt es kein Zurück mehr. Der nächste natürliche Schritt: von Ihren Petrischalen zu Ihren ersten Gläsern Flüssigmyzel übergehen. Unser Leitfaden zur Flüssigkultur zeigt Ihnen, wie man eine gesunde Petrischale in ein für die Beimpfung im grossen Massstab bereites Myzel verwandelt.
- Agar-Agar — Myzelkultur für Pilze
- Malzextrakt — Myzelkultur für Pilze
- Destilliertes Wasser — Myzelkultur für Pilze
- Petrischalen — Myzelkultur für Pilze
- Mykologie-Skalpell — Beimpfung von Pilzen
- Infrarotsterilisator — Mykologie für Pilze
- Still Air Box — Beimpfung von Pilzen
- Reinluftwerkbank — Mykologie für Pilze
- Erlenmeyerkolben 1000ml — Mykologie für Pilze
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