Die Inkubationskammer
Die Inkubation ist die stille Phase der Kultur — jene, in der alles entschieden wird, noch bevor der erste Pilz erscheint. Das Myzel besiedelt das Substrat, verbraucht seine Reserven und legt das Fundament für Ihre künftige Ernte. Eine Phase, die man dazu neigt zu unterschätzen, obwohl sie direkt die Besiedelungsgeschwindigkeit, die Widerstandsfähigkeit gegenüber Kontaminationen und die Kraft der Fruchtbildung bestimmt. Temperatur, CO₂, Licht, vom Myzel selbst abgegebene Wärme: Hier ist alles, was Sie wissen müssen, um die idealen Bedingungen zu schaffen — unabhängig von Ihrem Ausrüstungsniveau.
Wenn Sie gerade mit der Pilzzucht beginnen, gibt Ihnen unser vollständiger Guide zur Pilzzucht zu Hause einen Überblick, bevor Sie sich den technischeren Phasen wie Inkubation, Besiedelung und Fruchtbildung widmen.

Was während der Inkubation passiert — verstehen, um besser zu handeln
Dieser Artikel konzentriert sich auf die Inkubation des Fruchtungssubstrats — des finalen Sacks, der Ihre Pilze produzieren soll. Aber die Inkubation betrifft auch die vorgelagerten Schritte: Getreidespawn, Flüssigkultur (LC) und Petrischalen mit Agar durchlaufen ebenfalls eine Besiedelungsphase, bevor sie verwendet werden. Die Grundprinzipien — Dunkelheit, stabile Temperatur, Sauberkeit der Umgebung — bleiben ähnlich, aber Dauer und Behälter unterscheiden sich: Getreidespawn besiedelt je nach Art meist in 10 bis 21 Tagen, die Flüssigkultur in wenigen Tagen bis einer Woche, und Agar in 5 bis 10 Tagen bei einer gut inokulierten Schale. Für diese Vorbereitungsschritte lesen Sie unsere dedizierten Guides zu Getreidespawn und Flüssigkultur.
Während der Inkubation entwickelt sich das Myzel aerob — es verbraucht Sauerstoff und produziert CO₂, Wärme und Feuchtigkeit. Diese drei Nebenprodukte stehen im Zentrum der Steuerung Ihrer Inkubationskammer.
Die vom Myzel abgegebene Wärme
Ein Myzel in voller Besiedelung ist ein Lebewesen in intensiver Aktivität — und wie jeder aktive Organismus gibt es Wärme ab. Ein paar Säcke in einem Schrank erwärmen den Raum leicht. Dutzende Säcke in einem geschlossenen Raum können die Temperatur um mehrere Grad ansteigen lassen. Das ist ein natürliches Phänomen, kein Problem an sich — solange man es berücksichtigt.
Die praktische Konsequenz: verlassen Sie sich nicht ausschliesslich auf die Raumtemperatur. Wenn Sie Ihren Raum bei 22°C halten, er aber viele Säcke in voller Besiedelung enthält, kann die tatsächliche Temperatur im Raum deutlich über Ihr Ziel steigen. Ein Thermometer auf Höhe der Säcke — nicht oben nahe der Decke — liefert eine viel repräsentativere Messung.

Das CO₂ — während der Inkubation toleriert, trotzdem im Blick behalten
Während der Besiedelung produziert das Myzel kontinuierlich CO₂. Ein hoher Wert wird in dieser Phase nicht nur toleriert — er ist sogar günstig: Er verlangsamt den Stoffwechsel leicht und lässt mehr Nährstoffe für die Fruchtbildung übrig.
Trotzdem bleibt ein Mindestmass an Gasaustausch notwendig. In einem völlig luftdichten Schrank mit vielen Säcken kann sich CO₂ so stark anreichern, dass es die Besiedelung bremst. Ein einfaches tägliches Lüften — die Tür 30 Sekunden öffnen — genügt vollauf, um einen minimalen Luftaustausch zu gewährleisten.
Das Licht — null während der Inkubation
Das Myzel braucht kein Licht, um zu besiedeln. Völlige oder nahezu völlige Dunkelheit ist während der gesamten Inkubationsphase vorzuziehen. Licht wird erst ab der Initiation der Primordien benötigt — also in dem Moment, in dem Sie in die Fruchtkammer wechseln.
Die idealen Parameter je nach Art
Die Anforderungen an die Inkubationstemperatur variieren erheblich von Art zu Art. Hier die zu merkenden Bereiche, mit dem empfohlenen Sackfilter für jede Art.
Die Hitzebehandlung des Substrats — Pasteurisierung, Superpasteurisierung oder Sterilisierung — findet vor der Inkubation statt, nicht währenddessen. Wenn Sie Ihr Substrat mit Weizenkleie anreichern, lesen Sie unseren Guide zur Dampfsterilisierung, um die richtige Behandlung je nach Anreicherungsgrad zu wählen.
Manche Arten profitieren besonders von dieser Anreicherung. Der Igelstachelbart (Lion’s Mane) gehört dazu: Er ist eine anspruchsvolle Art, die auf angereichertem Substrat deutlich besser besiedelt als auf einfachem Substrat.
Die Inkubations-Setups — vom einfachsten bis zum aufwendigsten
🟢 Stufe 1 — Der Schrank bei Raumtemperatur
Das ist der Ausgangspunkt der grossen Mehrheit der Züchter — und er funktioniert sehr gut. Wenn Ihre Wohnung zwischen 18 und 24°C gehalten wird, genügt ein einfacher Schrank oder ein Regal in einem beheizten Raum, um Ihre Austernpilz- oder Shiitake-Säcke zu inkubieren.
Der Vorteil: null Investition, null Ausrüstung. Sie stellen Ihre Säcke hin und warten. Die vom besiedelnden Myzel abgegebene Wärme trägt sogar dazu bei, eine leicht höhere Temperatur als die Raumtemperatur zu halten — ein Vorteil im Winter in einem etwas kühlen Raum.
Die Grenzen: Sie sind vollständig von der Temperatur Ihrer Wohnung abhängig. Im Winter in einem schlecht beheizten Raum oder im Sommer bei einer Hitzewelle kann die Besiedelung sich verlangsamen oder aus dem Gleichgewicht geraten. Und für Arten wie Reishi oder tropische Austernpilze ist eine Raumtemperatur von 20°C oft unzureichend.
Ideal für: den Einstieg mit Grauen, Blauen oder Weissen Austernpilzen in einer Wohnung mit stabiler Temperatur.
🟡 Stufe 2 — Der Schrank mit Heizmatte und Temperaturcontroller
Sobald Sie thermisch anspruchsvollere Arten kultivieren möchten — Reishi, tropische Austernpilze — oder einfach Ihre Inkubation das ganze Jahr über zuverlässig gestalten wollen, verwandelt eine Heizmatte in Kombination mit einem Temperaturcontroller jeden Schrank in eine kontrollierte Inkubationskammer.
Das Prinzip ist einfach: Die Heizmatte wird unter oder gegen die Säcke platziert, der Controller schaltet die Heizung ein und aus, um die Zieltemperatur präzise zu halten. Eine Thermometersonde auf Höhe der Säcke — nicht an der Matte — misst die vom Myzel tatsächlich wahrgenommene Temperatur. Stellen Sie die Säcke nie direkt auf die Heizmatte — die lokalisierte Wärme kann das Myzel im Kontaktbereich schädigen; legen Sie ein Brett oder ein Gitter dazwischen.
Ideal für: fortgeschrittene Züchter, die mehrere Arten das ganze Jahr über präzise inkubieren möchten.
🔴 Stufe 3 — Der eigene Raum
Für Züchter, die in grossem Volumen produzieren — mehrere Dutzend Säcke gleichzeitig, mehrere Arten, kontinuierliche Produktion — ist ein eigener, vollständig der Inkubation gewidmeter Raum unumgänglich. Die Heizung erfolgt über einen Heizkörper oder eine reversible Klimaanlage in Kombination mit einem Temperaturcontroller, was eine präzise und gleichmässige Temperatur im gesamten Raum ermöglicht.
Auf dieser Stufe wird die von der Gesamtheit der besiedelnden Säcke abgegebene Wärme zu einem echten zu steuernden Faktor. Dutzende aktive Säcke können die Raumtemperatur um mehrere Grad anheben — es braucht eine Belüftung oder Abluft, die diesen Überschuss abführen kann. Ein CO₂-Controller wird nützlich, um die Atmosphäre zu überwachen und eine übermässige Anreicherung zu erkennen.
Organisatorisch ermöglichen Regale, die Kapazität pro Quadratmeter zu vervielfachen, indem die Raumhöhe genutzt wird. Entscheiden Sie sich wenn möglich für Regale mit Rollen: Bei diesem Volumen bewegen Sie ständig Dutzende Säcke zwischen Inokulationslabor, Inkubationszone und Fruchtkammer — ein ganzes Regal rollen zu können, statt die Säcke einzeln zu tragen, spart erheblich Zeit und reduziert unnötige Handgriffe.
Ideal für: semiprofessionelle Produktion, mehrere Arten, kontinuierliche Zyklen.


Inkubationsdauern — was Sie erwarten können
Die unten angegebenen Zeiten betreffen die Besiedelung des finalen Substrats — also des mit Getreidespawn inokulierten Stroh- oder Holzsacks. Die Tabelle fasst auch die Dauern für die vorgelagerten Schritte zusammen — Getreidespawn, Flüssigkultur und Agar.
Die Dauer variiert je nach Art, Temperatur, Sackgrösse und verwendeter Spawnmenge. Zwei Faktoren beschleunigen die Besiedelung besonders: ein höherer Getreidespawn-Anteil — je mehr Inokulationspunkte, desto schneller und gleichmässiger startet die Besiedelung — und eine Anreicherung des Substrats, die dem Myzel mehr verfügbare Nährstoffe liefert. Hier die realistischen Bereiche.

| Art | Inkubationstemperatur | Kolonisierungsdauer | Empfohlener Filter | Bemerkung |
|---|---|---|---|---|
| Grauer, blauer und weisser Austernpilz | 18 bis 24 °C | 10 bis 21 Tage | 0,5 Mikron | Schnelle und zuverlässige Kolonisierung |
| Gelber und Rosa Austernpilz | 22 bis 28 °C | 10 bis 21 Tage | 0,5 Mikron | Schnell, sofern die Temperatur eingehalten wird |
| Kräuterseitling (Eryngii) | 20 bis 25 °C | 14 bis 21 Tage | 0,5 Mikron | Etwas langsamer — dichtes Fleisch |
| Shiitake | 20 bis 27 °C | 4 bis 8 Wochen | 0,2 Mikron | Braune Kruste am Ende des Zyklus ist normal |
| Igelstachelbart (Lion's Mane) | 18 bis 24 °C | 2 bis 4 Wochen | 0,5 Mikron | Anspruchsvoll bei Anreicherung — kolonisiert damit deutlich besser |
| Reishi | 24 bis 30 °C | 6 bis 12 Wochen | 0,2 Mikron | Am langsamsten — Geduld ist gefragt |
| Getreidespawn | 22 bis 25 °C | 10 bis 21 Tage | 0,2 Mikron | Vorstufe zum Fruchtungssubstrat |
| Flüssigkultur (LC) | 24 bis 27 °C | Wenige Tage bis 1 Woche | 0,2 Mikron | Erfolgt im Glas mit Injektionsport |
| Petrischale (Agar) | 20 bis 25 °C | 5 bis 10 Tage | — | Kein Filter — Schale mit Parafilm versiegelt |
- Das besiedelnde Myzel gibt Wärme ab — mehrere Säcke in einem engen Raum können die Temperatur deutlich ansteigen lassen
- Nicht nur auf die Raumtemperatur verlassen — Thermometer auf Höhe der Säcke positionieren
- Völlige Dunkelheit während der Inkubation — Licht wird erst zur Fruchtbildung benötigt
- Ein hoher CO₂-Wert wird während der Besiedelung toleriert — aber ein Mindestmass an Gasaustausch bleibt notwendig, besonders bei vielen Säcken
- 0,5-Mikron-Filter für Austernpilze und Igelstachelbart — 0,2-Mikron-Filter für Shiitake, Reishi, Getreidespawn und Flüssigkultur (Agar verwendet keinen Filter)
- Säcke nie stapeln — die Luft muss frei um jeden Behälter zirkulieren
Wie erkenne ich, ob mein Sack gut besiedelt oder kontaminiert ist?
Ein gesundes Myzel ist weiss, dicht und luftig — es breitet sich gleichmässig von den Inokulationspunkten aus. Eine Kontamination äussert sich meist durch grüne, schwarze, orange oder rosa Flecken, oder durch einen sauren oder ranzigen Geruch. Weisses Myzel, das an der Oberfläche leicht vergilbt, ist oft ein Zeichen von Hitzestress, nicht zwangsläufig eine Kontamination. Im Zweifel lesen Sie unseren Guide Kontaminationen in der Pilzzucht — Erkennen und handeln.
Muss man die Säcke während der Inkubation öffnen, um sie zu lüften?
Nein — Kulturbeutel sind mit einem Mikronfilter ausgestattet, der den nötigen Gasaustausch gewährleistet, ohne das Substrat der Umgebungsluft auszusetzen. Einen Sack während der Inkubation zu öffnen bedeutet, ein steriles oder pasteurisiertes Substrat den Luftkontaminanten auszusetzen — unbedingt zu vermeiden.
Kann man mehrere Arten im selben Raum inkubieren?
Ja, vorausgesetzt ihre Temperaturanforderungen sind kompatibel. Eine Temperatur von 22–24°C passt für die Mehrheit der Arten. Reishi bildet eine Ausnahme — er bevorzugt 24–30°C und profitiert von einem separaten oder unabhängig beheizten Setup.
Fazit
Die Inkubation ist eine Phase, die wenig Eingriffe erfordert — aber viel Aufmerksamkeit für die Bedingungen. Ein einfaches Setup genügt für den Einstieg, und man kann in seinem eigenen Tempo zu einem kontrollierteren Setup übergehen, sobald die kultivierten Arten und Volumen zunehmen. Das Wichtigste ist zu verstehen, was im Sack passiert, um Abweichungen vorherzusehen, statt sie einfach hinzunehmen. Wenn die Besiedelung abgeschlossen ist, wartet der nächste Schritt auf Sie: Entdecken Sie, wie Sie die idealen Bedingungen schaffen, in unserem Guide zur Fruchtkammer.

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